Kapitel 07

Personae Non Gratae

Diese Typen sind unbeliebt

Akte BVB — Personae Non Gratae
Akte BVB · Borussia Dortmund

Personae Non Gratae

Diese Typen sind unbeliebt

Pierre

Der BVB beschert Pierre-Emerick Aubameyang die bis dato erfolgreichsten Jahre seines Fußballerlebens. 98 Tore erzielt er zwischen 2013 und 2018 für die Schwarz-Gelben und schafft den Durchbruch zum Weltstar. Aubameyangs Wechsel zum FC Arsenal wird jedoch begleitet von Streikdrohungen und offensiv kommunizierten Transferforderungen. Im goldenen Geländewagen chauffiert „Auba“ sich anschließend selbst zum Flughafen und düst im Privatjet in Richtung England ab. Understatement und Dankbarkeit sehen anders aus. Der extrovertierte Bundesliga-Torschützenkönig entschuldigt sich im Nachhinein via Instagram bei seinen Fans und für seinen Abgang, doch die nehmen ihm die Show nicht ab. Nachdem der Paradiesvogel in Richtung Premiere League davon flattert, kehrt endlich etwas Ruhe im Lager der Dortmunder ein. Ersetzen können die Borussen den Top-Torjäger nicht. Das Arbeitspapier von Leih-Stürmer Michy Batshuayi vom FC Chelsea, der gut einschlägt, ist nicht mit einer Kaufoption versehen…

Gerd Niebaum

Er führt Borussia Dortmund in den Triumph und an den Rand des Bankrotts. Unter Niebaums Präsidentschaft gewinnt der BVB den DFB-Pokal 1989, drei deutsche Meisterschaften (1995, 1996 und 2002), die Champions League 1997 und den Weltpokal 1997. Niebaum will den FC Bayern München in den Schatten stellen. Er erreicht viel und verliert dabei jegliches Maß. Zum Champions-League-Bankett lässt er seine Lieblingskapelle nach München einfliegen. Er investiert in ein Gigantenstadion, zahlt Unsummen an Gehältern, bringt Dortmund an die Börse und verdient dabei zunächst mehr als gut. „Doktor Gott“ wird Niebaum bald spöttisch von den Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle genannt, weil er aus dem Verein Borussia Dortmund den Konzern BVB KGaA gemacht hat, sich in alles einmischt, beratungsresistent geworden ist, in seiner eigenen Welt zu leben scheint. Als die Blase platzt und Niebaums Misswirtschaft auffliegt, weist Dortmund ein dreistelliges Millionenminus auf. „Sie haben den Verein zerstört!“, lautet der schwere Vorwurf an Niebaum auf einer der turbulentesten BVB-Jahreshauptversammlungen im November 2004. Die Insolvenz kann erst die neue Führungs-Crew um den nach Niebaums eiligem Rücktritt am 14. November 2004 noch einmal amtierenden Dr. Reinhard Rauball und Hans-Joachim („Aki“) Watzke verhindern. Aber erst, nachdem der gefallene „Gott“ im Februar 2005 auch sein letztes Amt als Geschäftsführer – der Mann kontrolliert sich praktisch selbst – aufgibt. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall und Gerd Niebaums Fall ist tief. Er verliert vor Gericht gegen den Vermieter seiner gewaltigen Kanzlei-Immobilie (monatlich 40 000 Euro) an der Dortmunder B1, muss Miete plus Nebenkosten in Höhe von 750.000 Euro bis zum vertraglichen Ende der offiziellen Mietzeit weiter zahlen. Auch die Sparkasse Werl fordert die Zahlung der Schulden des Kanzlei-Kontos in Höhe von 650 000 Euro – und gewinnt den Prozess. 2012 verliert er wegen „Vermögensverfall“ endgültig seine Anwaltszulassung 19. Die Vorwürfe, die ihm 2015 in einem Prozess gemacht werden, sind schwerwiegend. Rund 1,7 Mio. Euro soll Niebaum seit 2005 veruntreut haben, als er laut Anklage 16 Mio. Schulden bei Banken und 1,3 Mio. Euro Schulden bei privaten Gläubigern hat. Als Testamentsvollstrecker soll er sich zudem 2005 aus einem Nachlass ein Darlehen in Höhe von 459.000 Euro selbst gewährt und ausgezahlt haben. Und zwischen 2006 und 2008 soll er beim Beantragen von Krediten bzw. Aufstockungen von Kreditlinien in Höhe von insgesamt 650.000 Euro unvollständige Angaben zu seinen privaten Verbindlichkeiten gemacht haben. Um zwei Darlehen seines mittlerweile verstorbenen Schwagers über 200.000 bzw. 400.000 Euro zu verlängern, soll er dessen Unterschrift gefälscht haben. Im Signal Iduna Park ist Niebaum seitdem kaum noch gesichtet worden. Einen großen Abschied für den Präsidenten, der Dortmund erst in den Himmel und dann in die Hölle geführt hat, gibt es nicht. Dr. Gerd Niebaum führt den BVB erst an die Börse – und dann an den Rand des Ruins. Imago Images / Team 2

Sergej W.

Um 19:15 Uhr, im Dortmunder Stadtteil Höchsten, explodieren am 11. April 2017 drei mit Metallstiften bestückte Sprengsätze. Sie sind in einer Hecke deponiert worden, um den vorbeifahrenden Dortmunder Mannschaftsbus zu treffen. Die Spieler befinden sich auf dem Weg zum Westfalenstadion, wo das Champions League-Viertelfinale gegen AS Monaco stattfinden soll. Abwehrspieler Marc Bartra erleidet einen Speichenbruch sowie mehrere Fremdkörper-Einsprengungen im Arm. Ein begleitender Motorradpolizist kommt mit Knalltrauma ins Krankenhaus. Die Fußballwelt steht unter Schock. Die perfide Denke des Attentäters: er hat auf den Kursverlust der BVB-Aktie gewettet und will mit Verkaufsoptionen auf den BVB Geld verdienen, sobald die Börse auf die Schocknachricht mit einem Kursverfall der BVB-Aktie reagiert. Offiziell wird er am 27. November 2018 wegen 28-fachen Mordversuchs aus „Habgier“ zu 14 Jahren Haft verurteilt.

Florian Homm

Auf dem Höhepunkt der Dortmunder Finanzkrise taucht im Sommer 2004 unvermutet ein schillernder Helfer auf. Es ist der Finanzmanager Florian Homm. Der Hesse, Havard-Absolvent als Master of Business Administration, wird in Zeiten des „Neuen Marktes“ an der Frankfurter Börse Ende der 1990-er und Anfang der 2000-er Jahre vor allem dadurch bekannt, dass er sich als „Sterbehelfer“ bei bankrotten Unternehmen hervortut – und offenbar mächtig abkassiert. 2004 steigt Homm beim BVB ein und rettet den Verein mit einer Kapitalerhöhung von 20 Mio. Euro vor der sicheren Pleite. Doch Homm weiß: Wer das Geld hat, der hat auch die Macht und die will der neue Großaktionär in Dortmund an sich reißen. „Ich will einen wie Rapolder“, untergräbt er in einem Interview mal eben die Autorität von BVB-Trainer Bert van Marwijk. Homm gelingt es, seinen Einfluss auszuweiten und die BVB-Führung um den schwer in der Kritik stehenden Dr. Gerd Niebaum zu entmachten. Ein Wirtschaftskrimi! In seiner Biographie Kopf. Geld. Jagd berichtet Homm später, er habe „eigentlich mit dem BVB Geld machen und ihn an zwei russische Oligarchen verkaufen wollen“. Als er, entgegen seiner Gewohnheit, „erst nach seinem Einstieg eine Überprüfung des Unternehmens vornahm“, bemerkt er angeblich, „wie schlecht es dem Klub ging“ und „beschloss, ihn zu retten, da man sich die Verluste nicht erlauben konnte.“ Das klappt: Homm rettet Dortmund mit einem (ersten) Sanierungspaket 2005 die Lizenz. In der Folgezeit verkauft er alle Aktien. BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball: „Er kam mit hehren Absichten, verwechselte dann leider einen Fußballverein mit einer normalen AG. Das ist ein Grund, weshalb wir mit der 50 plus 1-Regelung verhindern wollen, dass fußballfremde Investoren einen Klub übernehmen.“ Die Fans haben Anfang 2005 genug vom Geschacher um ihren Klub und starten vor dem Heimspiel gegen den VfL Bochum (1:0) den legendären „Not for Sale“-Marsch zum Westfalenstadion. 2007 ist Homm im Zuge der Finanzkrise von der Bildfläche verschwunden. Dr. Reinhard Rauball zu BILD: „Wir haben keinen Kontakt mehr. Mich würde auch interessieren, was aus ihm geworden ist.“ Das klärt sich bald. Homm ist mit 150 Millionen Euro auf der Flucht! Er wird in Caracas in Venezuela gesichtet, angeschossen. Am 8. März 2013 wird er von der italienischen Polizei und Zielfahndern des FBI in der weltberühmten Gemälde-Sammlung der Uffizien in Florenz verhaftet. Das Ende eines Finanz-Jongleurs, der den BVB gerettet und benutzt hat.

BVB vs Arminia Bielefeld 11:1 1982 – zehn Tore in einer Halbzeit
6. November 1982: Borussia Dortmund und (v. l.) Bernd Klotz, Marcel Raducanu, Manfred Burgsmüller und Siegfried Bönighausen bejubeln zehn Tore in einer Halbzeit gegen Arminia Bielefeld (11:1). Foto: Imago Images / Kicker / Eissner

Zeiten des „Neuen Marktes“ an der Frankfurter Börse Ende der 1990-er und Anfang der 2000-er Jahre vor allem dadurch bekannt, dass er sich als „Sterbehelfer“ bei bankrotten Unternehmen hervortut – und offenbar mächtig abkassiert. 2004 steigt Homm beim BVB ein und rettet den Verein mit einer Kapitalerhöhung von 20 Mio. Euro vor der sicheren Pleite. Doch Homm weiß:

Wer das Geld hat, der hat auch die Macht und die will der neue Großaktionär in Dortmund an sich reißen. „Ich will einen wie Rapolder“, untergräbt er in einem Interview mal eben die Autorität von BVB-Trainer Bert van Marwijk. Homm gelingt es, seinen Einfluss auszuweiten und die BVB-Führung um den schwer in der Kritik stehenden Dr. Gerd Niebaum zu entmachten. Ein Wirtschaftskrimi! In seiner Biographie Kopf.

Geld. Jagd berichtet Homm später, er habe „eigentlich mit dem BVB Geld machen und ihn an zwei russische Oligarchen verkaufen wollen“. Als er, entgegen seiner Gewohnheit, „erst nach seinem Einstieg eine Überprüfung des Unternehmens vornahm“, bemerkt er angeblich, „wie schlecht es dem Klub ging“ und „beschloss, ihn zu retten, da man sich die Verluste nicht erlauben konnte.“ Das klappt: Homm rettet Dortmund mit einem (ersten) Sanierungspaket 2005 die Lizenz.

In der Folgezeit verkauft er alle Aktien. BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball: „Er kam mit hehren Absichten, verwechselte dann leider einen Fußballverein mit einer normalen AG. Das ist ein Grund, weshalb wir mit der 50 plus 1-Regelung verhindern wollen, dass fußballfremde Investoren einen Klub übernehmen.“ Die Fans haben Anfang 2005 genug vom Geschacher um ihren Klub und starten vor dem Heimspiel gegen den VfL Bochum (1:0) den legendären „Not for Sale“-Marsch zum Westfalenstadion. 2007 ist Homm im Zuge der Finanzkrise von der Bildfläche verschwunden. Dr. Re-

Reinhard Rauball zu BILD: „Wir haben keinen Kontakt mehr. Mich würde auch interessieren, was aus ihm geworden ist.“ Das klärt sich bald. Homm ist mit 150 Millionen Euro auf der Flucht! Er wird in Caracas in Venezuela gesichtet, angeschossen. Am 8. März 2013 wird er von der italienischen Polizei und Zielfahndern des FBI in der weltberühmten Gemälde-Sammlung der Uffizien in Florenz verhaftet. Das Ende eines Finanz-Jongleurs, der den BVB gerettet und benutzt hat.

Erst Pokalsieger, dann stilloser Abgang: Pierre-Emerick Aubameyang bei Borussia Dortmund. / Jan Huebner

Jadon Sancho: Suspendierung, Rückkehr, Abschied

Die Saga um Jadon Sancho ist ein Kapitel für sich. Nachdem er den BVB 2021 für 85 Millionen Euro in Richtung Manchester United verlassen hatte, wurde er dort nie glücklich. Im August 2023 kam es zum öffentlichen Zerwürfnis mit United-Trainer Erik ten Hag: Sancho kritisierte seinen Coach über Social Media, woraufhin er suspendiert und vom Training der ersten Mannschaft ausgeschlossen wurde. Im Januar 2024 kehrte er leihweise zum BVB zurück — Watzke selbst soll ihn mit einer SMS zurückgelockt haben. Unter Terzić blühte Sancho wieder auf und war Teil des CL-Final-Kaders. Danach ging er leihweise zu Chelsea.

Häufige Fragen

Was ist mit Jadon Sancho passiert?

Sancho wurde 2023 bei ManUnited suspendiert, kehrte 2024 leihweise zum BVB zurück und spielte sich bis ins CL-Finale.

Wer war Gerd Niebaum?

BVB-Präsident 1986–2004. Er führte den BVB zum CL-Sieg 1997 und an den Rand des Bankrotts durch maßlose Ausgabenpolitik.

Warum ist Aubameyang beim BVB unbeliebt?

Pierre-Emerick Aubameyang erzwang 2018 seinen Wechsel zum FC Arsenal auf respektlose Art und verliess den BVB im goldenen Gelaendewagen zum Flughafen, ohne sich angemessen zu verabschieden.

Wer war Florian Homm beim BVB?

Florian Homm war ein Hedgefonds-Manager, dessen spekulative Geschaefte mit dem BVB-Vorstand unter Gerd Niebaum zur finanziellen Krise beitrugen, die den BVB 2005 an den Rand der Insolvenz brachte.

Alle Kapitel:
Kap. 01: Prolog Kap. 02: Steckbrief Kap. 03: Good to Know Kap. 04: Für die Hater Kap. 05: Für die Lover Kap. 06: Schlüsselfiguren Kap. 07: Personae Non Gratae Kap. 08: Tragisch Kap. 09: OMG — Oh My God Kap. 10: Fun Facts Kap. 11: Special Moments Kap. 12: Weise Worte
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