Special Moments — Alarm für Kobra Wegmann
Die Relegation 1986 gegen Fortuna Köln aus Wegmanns Perspektive: 0:2 aus dem Hinspiel, Notverkäufe von Immel und Wegmann, der Schmidthuber-Elfmeter, Zorcs 1:1, Raducanus 2:1 und Wegmanns 3:1 in der Nachspielzeit zum entscheidenden dritten Spiel.
Relegation 1986 -- Hinspiel
Der BVB steht vor dem Abgrund -- 0:2 aus dem Hinspiel gegen Fortuna Köln.
19. Mai 1986: Tropenhitze und Endspielstimmung im Westfalenstadion
Bei tropischer Hitze steht der BVB vor dem zweiten Bundesliga-Abstieg seiner Geschichte — das 0:2 aus dem Hinspiel muss umgebogen werden.
Es ist heiß. Unfassbar heiß. Die tropische Hitze, die an diesem 19. Mai 1986 im Dortmunder Westfalenstadion herrscht, ist mir am meisten in Erinnerung geblieben.
Die vier gleichförmigen Tribünen bieten mit einer Ausnahme keinen Schatten. Deshalb habe ich mich wohl die meiste Zeit des Spiels über vor der Südtribüne herumgedrückt. Dort spürt man – anders als sonst – eine absolut angespannte Stimmung.
Die BVB-Fans wissen ebenso wie wir alle: Wenn wir das 0:2 aus dem Hinspiel im Südstadion gegen Fortuna Köln nicht umbiegen, dann war\u2019s das. Dann steigt Borussia Dortmund zum zweiten Mal nach 1972 aus der Bundesliga ab.
Vorgeschichte mit Fortuna Köln: 0:5 im Pokalhalbfinale 1983
Fortuna Köln hatte den BVB schon 1983 im DFB-Pokal-Halbfinale mit 5:0 deklassiert — und die Saison 1985/86 war mit 28 Punkten die schlechteste seit 1972.
Fortuna Köln, der Verein, der vielen Fans in Deutschland wohl nur als „Lebenswerk" des Unternehmers Hans „Jean" Löring († 2005) in Erinnerung geblieben sein dürfte, hat Dortmund 1983 schon mal eine große Chance kaputt gemacht. Mit 5:0 hat man den BVB im DFB-Pokal-Halbfinale deklassiert! Und jetzt?
Eigentlich können wir froh sein, dass wir diese Chance in den Relegationsspielen überhaupt noch haben! Unsere Saisonleistung ist mit „unterirdisch" noch milde ausgedrückt. Mit den Trainern Pal Csernai und Reinhard Saftig haben wir mit Schwarz-Gelb nach der alten Zwei-Punkte-Wertung nur 28 Zähler geholt.
Das ist die mieseste Bilanz für den BVB seit der Abstiegs-Saison 1971/72. Schon ein Jahr zuvor hat uns nur ein 2:0 gegen Werder Bremen am letzten Spieltag vor dem Gang in die Relegation bewahrt.
Notverkäufe: Immel nach Stuttgart, Wegmann zu Schalke
Sportlich und finanziell am Ende: Eike Immel wechselt für 1,6 Mio. Mark nach Stuttgart, Wegmann wird wegen seines Schalke-Wechsels von eigenen Fans als „Judas" beschimpft.
In Dortmund scheint nix mehr zu gehen. Sportlich nicht, finanziell schon gar nicht. Es müssen Notverkäufe her.
Deshalb wird Torhüter Eike Immel am Saisonende zum VfB Stuttgart wechseln. Das wird dem BVB 1,6 Millionen Mark bringen. Die schwierigste Entscheidung habe ich aber selbst zu treffen: Dass ich mir mit dem Dortmunder Erzrivalen FC Schalke 04 über einen Wechsel am Saisonende einig bin, hat die BVB-Fans verärgert.
Sie schimpfen mich „Judas", sie beleidigen mich oft auch bei Besuchen in der Innenstadt und pfeifen mich seit Bekanntwerden meines Wechsels bei jedem Spiel gnadenlos aus. Dass Dortmund dadurch noch mal 1,35 Mio. Mark kassiert, interessiert sie nicht.
Es läuft scheinbar alles schief.
0:1 zur Pause — der BVB am körperlichen Limit
Auch im Rückspiel liegt Dortmund zur Pause 0:1 zurück; ohne Auswärtstor-Regel reichen drei Tore, doch die Beine werden schwer.
Wir liegen gegen die Kölner auch im Rückspiel zur Pause zurück. 0:1. Unser Glück ist, dass es in den Relegationsspielen noch keine Auswärtstor-Regel gibt, sonst bräuchten wir schon vier Tore, um die Fortuna unten zu halten. Aber: Schon drei Tore gegen diese verbissen verteidigende Mannschaft zu erzielen, ist an so einem heißen Tag ungefähr so leicht, als müsste man den Möhnesee mit einem Bierglas leer schöpfen.
Wir sind körperlich am Ende. Die Beine werden immer schwerer, der Kreislauf spielt verrückt. Irgendwann kämpfst du nur noch im Unterbewusstsein weiter, weil dein Körper den Kopf überstimmt.
Du willst nur eines: Nicht absteigen!
Immels Schwur in der Kabine: Wir steigen nicht ab
In der Halbzeitpause brüllt Torhüter Eike Immel seinen Sturmpartner Wegmann an und schwört, dass der BVB nicht absteigen wird.
In der Kabine herrscht zur Pause Grabesstille. Ich schaue Eike Immel tief in die Augen. „Kobra", so ist mein Spitzname, weil ich mich als Torjäger selbst mal als ,,giftiger als die giftigste Schlange" bezeichnet habe, „Kobra", brüllt er mich irgendwann an, „ich schwöre dir, dass wir nicht absteigen!"
Schmidthuber-Elfmeter und Zorcs 1:1 in der 54. Minute
Schiedsrichter Aaron Schmidthuber gibt Elfmeter, Michael Zorc verwandelt zum 1:1 — der Beginn der Wende.
Ja, gut! Aber wie? Irgendwie gelingt es uns, dieses Spiel noch zu drehen.
Auch mit freundlicher Unterstützung von Schiedsrichter Aaron Schmidthuber aus Ottobrunn. Ein Bayer hilft dem BVB, in diesem Fall mit einem Elfmeter, über den sich der Gegner fürchterlich aufregt. Ich aber sage: Die Kölner waren selbst schuld!
Die hätten uns im Hinspiel abschießen können. Über ein 0:4 oder 0:5 hätten wir uns nicht beschweren dürfen. Michael Zorc, mit 463 Bundesliga-Spielen und 49 verwandelten Elfmetern Rekordspieler des BVB und eine Art „Mister Borussia", holt uns nach 54 Minuten mit dem 1:1 am Ohr wieder in dieses Spiel rein. „Susi" weiß, was auf dem Spiel steht.
„Es ging um die Existenz des Klubs und auch einiger Spieler, es war nicht so, dass die Verträge Anfang oder Mitte der 80-er so üppig gestaltet waren", wird er das Drama Jahre später zusammenfassen.
Relegation 1986 -- Das Wunder
Kobra Wegmann rettet den BVB in der Nachspielzeit vor dem Abstieg.
Raducanus Kopfball zum 2:1 — 22 Minuten bleiben
Marcel Raducanu köpft Dortmund mit dem 2:1 in Front; Wegmann holt die Bälle selbst aus dem Netz, um Zeitspiel zu verhindern.
Dann köpft Marcel Raducanu das 2:1. Ich hole bei beiden Treffern den Ball aus dem Netz, um ein mögliches Zeitspiel der Kölner zu verhindern. Es sind jetzt noch 22 Minuten zu spielen und wir brauchen noch ein Tor, um ein drittes Spiel zu erzwingen.
Saftigs einzige Einwechslung: Anderbrügge für Huber
Trainer Reinhard Saftig bringt nach 46 Minuten Ingo Anderbrügge für Lothar Huber — die einzige Einwechslung des Spiels wird Gold wert.
Dass das Rückspiel erst in der 90. Minute entschieden wird, ist mir schon vorher klar. Das habe ich unserem Trainer Reinhard Saftig in einer Besprechung schon drei Tage zuvor gesagt. Verbunden mit der Forderung, mich bis zum Abpfiff auf dem Platz zu lassen.
Saftig hört auf mich. Mit der Hereinnähme von Ingo Anderbrügge, der nach 46 Minuten für Lothar Huber kommt, tätigt er ohnehin in diesem Schlüsselspiel nur eine Einwechslung. Sie wird Gold wert sein.
Was alles auf dem Spiel steht: UEFA-Cup, Pokal, Hitzfeld-Ära
Bleibt es beim 2:1, droht die 2. Liga mit Salmrohr und Aschaffenburg — der UEFA-Cup-Einzug 1987, Pokalsieg 1989 und die Hitzfeld-Ära ab 1991 wären verloren.
Die Nachspielzeit läuft schon. Bleibt es beim 2:1, ist Borussia Dortmund abgestiegen. Der 3-malige Deutsche Meister, der erste deutsche Europapokalsieger von 1966, steht dann finanziell vor einer düsteren Zukunft.
Dass man ein Jahr später am letzten Spieltag in Frankfurt mit einem 4:0 in den UEFA-Cup stürmen, auf Ringelsocken 1989 den DFB-Pokal gewinnen und mit Ottmar Hitzfeld 1991 einen Trainer holen wird, der den Verein zur zweiten Kraft im deutschen Fußball macht – das wäre alles Zukunftsmusik geblieben! In diesem Moment steht die 2. Liga wie eine riesige Mauer vor uns, die es zu erklimmen gilt – mit Vereinen wie Viktoria Aschaffenburg, Union Solingen, dem Dorfklub FSV Salmrohr oder den Derbys mit meinem ersten Profi-Verein Rot-Weiß Essen.
Tolles Stadion, große Fans, kein Erfolgskonzept
Der BVB Mitte der 80er: Westfalenstadion und Anhängerschaft sind erstklassig, sportlich aber sucht der Klub seit Jahren die verlorene Zeit.
Das alles wäre eine Blamage für den BVB, der seit Jahren auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist. Der Verein hat irgendwie alles: Tolles Stadion, großartige Fans – aber eben (noch) kein Erfolgskonzept. Es kommt anders. Zum Glück. Für mich, für den BVB, für die ganze Region.
Storck, Zorc, Simmes, Anderbrügge — die Kette zum 3:1
Rechtsflanke Bernd Storck, Kopfballverlängerung Zorc und Simmes, Schuss Anderbrügge, Abpraller Jarecki — und am Pfosten steht Wegmann.
Bis heute sprechen mich die BVB-Fans auf meinen Treffer zum 3:1 an, der uns das dritte und entscheidende Spiel in Düsseldorf beschert. In meinem Kopf ist das Tor bis heute präsent. Dieser Film wird wohl ewig vor meinem geistigen Auge ablaufen.
Wie in Trance sehe ich nach einer Rechtsflanke von Bernd Storck eine doppelte Kopfballverlängerung von Michael Zorc und Daniel Simmes. Am langen Pfosten kommt Ingo Anderbrügge an den Ball und haut ihn instinktiv, aber aus ungünstigem Winkel aufs Tor. Kölns Torhüter Jacek Jarecki kann die Kugel nur abprallen lassen – und da stehe ich.
Ich, Kobra Wegmann.
Wegmann stochert den Ball über die Linie
In der Nachspielzeit drückt Wegmann den Abpraller über die Torlinie — der Treffer, der den BVB rettet.
Ich stochere den Ball irgendwie über die Torlinie, laufe mit dem Ball über die Torlinie. Den hochspringenden Daniel Simmes auf den Fotos von meinem Treffer habe ich in der ganzen Saison nicht so fit gesehen wie in diesem Moment…
Rauballs „Explosion" und Wegmanns Trikot in der Fankurve
BVB-Präsident Reinhard Rauball spricht von einer Explosion; Wegmann wirft sein Trikot in die Fans — niemand wirft es zurück.
Sekunden später steht ein Fan vor mir und umarmt mich. Ich weiß gar nicht, was los ist. Andere schon.
„Die Befreiung durch das dritte Tor von Jürgen Wegmann kam natürlich einer Explosion gleich", hat es mein damaliger Chef, BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball, ein bisschen blumiger formuliert. Jedenfalls haben mir die BVB-Anhänger wohl in diesem Moment verziehen, dass ich nach Schalke wechsele.
Mein Trikot habe ich nach dem Spiel in die Fan-Massen geworfen. Es wird nicht zurückgeworfen. Der Special Moment des BVB: Glück ist Zufall, der auf Bemühen trifft.