Medien-Rummel und Glamour nach Art des „FC Hollywood“ (noch) keinen Platz haben. Michael Meier, als Manager 1989 von Bayer Leverkusen abgeworben, macht Borussia Dortmund zur Marke und wird (auch das wird heute selten gewürdigt) 1992 und 1993 vom Kicker-Sportmagazin zum „Manager des Jahres“ gekürt. 2 Niebaum und Meier machen aus dem Verein Borussia Dortmund die BVB AG, den Konzern Borussia Dortmund, was nicht allen Traditionalisten unter den Fans und im Klub gefällt.
Der Absturz: Beinahe-Insolvenz 2005
Eine echte Opposition formiert sich aber, da geblendet von den riesigen Erfolgen der 1990-er und frühen 2000-er Jahre mit drei deutschen Meisterschaften und – die Krönung – dem Gewinn der UEFA Champions 2 Nach den finanziellen Turbulenzen, in die Borussia nach der Jahrtausendwende gerät, steht der Ausgezeichnete freilich in einem etwas anderen Licht da.
League – erst, als es fast zu spät ist. Dass Niebaum und Meier nach dem Wegmobben von Erfolgscoach Ottmar Hitzfeld 1998 jegliche Bodenhaftung und Realitätssinn verlieren, bleibt lange unter dem Deckel. In der neuen und mehrstöckigen BVB-Geschäftsstelle können sie nach Belieben schalten und walten. Die BVB-Bosse verrennen sich in dem Bestreben, aus Borussia vollends die Lizenz zum Gelddrucken zu machen. Transfers im zweistelligen Millionenbereich, ein eigenes Trikot-Label, BVB-Reisebüro, ein „Mega Store“ mit den Maßen einer Shopping Mall, eine eigene TV-Show im Deutschen Sport-Fernsehen – the sky is the limit, lautet Anfang 2000 das Motto beim neureichen Klub!
Schalke und Bayern als Retter
Viele Fans erkennen ihren Verein nicht wieder. Aber der Rausch hat seinen Preis… Schalke und Dortmund – Das waren sogar mal Freunde! Das Revierderby lebt als hochgejazztes Duell zwischen „Lüdenscheid-Nord“ (Dortmund) und „Herne- West“ (Schalke) vor allem von der Folklore – und unter anderem von dem Irrglauben, dass beide Vereine seit dem fußballerischen Urknall miteinander verfeindet sind. Sind sie aber nicht! Dortmund spielt in seinen Gründerjahren in blau-weiß, bis irgendjemand auf die Idee kommt, die Farben zu ändern. Dem unmittelbar vor und während des 2. Weltkriegs erfolgreichsten deutschen Fußballverein Schalke 04 jubeln auch in Dortmund die Massen zu. Als Schalke nach einem 2:1 gegen den 1.
FC Nürnberg 1934 in Berlin Deutscher Meister wird, fahren die „Knappen“ auf ihrem Rückweg nach Gelsenkirchen in offenen Autos durch Dortmund – und tragen sich sogar in das Goldene Buch der Stadt ein. An eine LKW-Fahrt rund um den Borsigplatz mit dem BVB denken da allenfalls Fantasten unter den Fans! Der BVB krebst zu dieser Zeit in der Kreisklasse Dortmund-Herne herum, Schalke ist der dominierende Westverein. „Es herrschte eine tiefe Sympathie zwischen beiden Vereinen“, sagt der ehemalige BVB-Sprecher und Archivar, Gerd Kolbe. Dabei hatten die Klubs in den guten alten Freundschaftszeiten immer fest zusammengehalten.
Zum Beispiel zwischen 1934 und 1943, als Schalke einen Austragungsort für seine Vorrundenspiele um die deutsche Meisterschaft sucht und im Dortmunder Stadion Rote Erde fündig wird. „Es war vom Deutschen Fußball-
Bund vorgegeben worden, dass bestimmte Spiele in anderen Stadien gespielt werden mussten. Und der BVB hat dann für Schalke diese Spiele organisiert“, erklärt Kolbe.
Oder Anfang der 30-er Jahre, als Borussia ohne Erfolg und ohne Trainer dastand. „Da wurde Stürmer August Lenz - der erste BVB- Nationalspieler - vom Verein beauftragt, mit den Schalkern zu reden, mit denen er sich angefreundet hatte. Er sollte sie fragen, wie man endlich wieder erstklassig werden könnte.“ Ergebnis: Erst Schalke-Idol Ernst Kuzorra und dann sein Schwager und Ex-Schalke-Stürmer Fritz Thelen gehen als erste professionelle Trainer in die BVB-Geschichte ein. Sie führen den keineswegs feindlichen Nachbarn 1936 in die erste Liga, die damals Gauliga Westfalen heißt.
„Schalke war also der Steigbügelhalter für den Aufstieg des BVB.“ Im November 1943 gibt es dann nach reihenweisen Packungen den ersten Sieg über den bislang dominierenden Rivalen - und Lenz erzielt das 1:0-Siegtor. „Es gab natürlich immer eine Konkurrenzsituation zwischen den beiden Vereinen. Aber erst in den 70er Jahren begann sich die Fanszene zu radikalisieren“, sagt Kolbe. Es folgen Fan- Ausschreitungen und Beschimpfungen von Spielern, die zwischen den Klubs wechseln.
Der Begriff des „Judas“, er scheint für das Revier-Derby erfunden zu sein. Allein seit Beginn der Bundesliga-Ära 1963 haben mehr als 20 Spieler diesen Schritt gewagt, mal mit, mal ohne dazwischen noch für einen anderen Verein gespielt zu haben, u. a. Rüdiger „Abi“ Abramczik, Steffen Freund, Reinhard „Stan“ Libuda, Andreas Möller, Rolf „Rolli“ Rüssmann und Jürgen „Kobra“ Wegmann.
Kaum zu glauben
Trotz der ungeheuren Rivalität ist die Kombination Schalke/BVB die häufigste bei Spielern mit mehreren Bundesligaklubs.
Borussia Dortmund ist Deutscher Meister – 29.06.1963. Wilhelm Burgsmüller jubelt mit der Meisterschale.
„Entscheidend iss auffem Flugplatz“: Hans-Joachim Watzke hat auch zehn Jahre danach noch ein beklemmendes Gefühl, wenn er an den 14. März 2005, den „zweiten Geburtstag von Borussia Dortmund“, denkt. „Das war unfassbar, das war eine Extremsituation. Ich werde es in meinem Leben niemals vergessen“, schildert der BVB-Sanierer die Gefühlslage vor dem entscheidenden Termin auf dem Düsseldorfer Flughafen. Nach langem Ringen stimmen die Haupteigentümer des Westfalenstadions dem Sanierungskonzept des finanziell schwer angeschlagenen Klubs zu.
Damit kann die drohende Insolvenz des Branchenriesen quasi in letzter Minute abgewendet werden. Schaudernd erinnert sich Watzke an die sechsstündige Sitzung in einer Eventhalle des Düsseldorfer Flughafens, die die Fans mit bangem Blick beim Nachrichtensender n-tv verfolgen. „Die ersten vier Stunden waren sehr negativ. Da hatten einige BVB-Sympathisanten im Saal Tränen in den Augen. Die dachten, das ist das Ende“, sagt er 2015 dem WDR. Knapp einen Monat zuvor ist Schicht im Schacht, als der einzige an der Börse notierte deutsche Fußballverein per Pflichtmitteilung eine „existenzbedrohende Ertrags- und Finanzsituation“ vermeldet.
Als der damalige Manager Michael Meier auf einer Pressekonferenz wenige Stunden später gefragt wird, ob der BVB noch liquide sei, erteilt er seinem Nebenmann Jochen Rölfs das Wort.
Die Antwort des Wirtschaftsprüfers sorgt für ein Bundesliga-Beben: „Lehnen die Gläubiger den Sanierungsplan ab, war’s das. Dann ist Schluss. Der BVB hat nichts mehr in der Hinterhand.“ Die danach präsentierte Horrorbilanz übertrifft selbst die schlimmsten Befürchtungen. Mit einem Mal wird deutlich, in welch prekäre Lage die damaligen Führungskräfte Gerd Niebaum und Michael Meier den Verein mit ihrer Großmannssucht manövriert haben!
Demnach sind bereits knapp 80 Prozent des von den Aktionären gezahlten Geldes in Höhe von 179,5 Millionen Euro durch Verluste aufgezehrt. Zudem rechnet der BVB für das Geschäftsjahr mit einem Verlust von rund 68 Millionen Euro. Einen Tag später einigen sich die Gläubiger des BVB auf einen ersten Kompromiss zur Sanierung des Vereins. Was jedoch noch fehlt, ist die Zustimmung der 5.800 Gesellschafter des Immobilienfonds Molsiris. Der Revierklub hat sein Stadion zwei Jahre zuvor zu 94 Proz-
Prozent
Das Stadion wurde für 75 Prozent an den Fonds veräußert und dann für 16 Millionen Euro jährlich zurückgeleast. Das Westfalenstadion ist zum Millionengrab geworden. Der Sanierungsplan sieht einen Teilrückkauf des Stadions und die Stundung der Mietzahlungen für die Jahre 2005 und 2006 vor. Ermöglicht werden sollte das durch einen von den Anlegern freigegebenen Zugriff auf ein Depot in Höhe von knapp 52 Millionen Euro, das ursprünglich für den geplanten Rückerwerb des Stadions im Jahr 2017 festgelegt ist. Der Plan geht auf. Sportlich gesehen wird in diesen mageren Jahren die Verpflichtung eines Trainers den leck geschlagenen Revierklub neu beseelen: Am 1.