Good to Know — Was wenige wissen
Wie aus dem drittklassigen Borsigplatz-Klub erst nach 1947 ein Spitzenverein wurde: westdeutsche Meisterschaften, Europapokal 1966 gegen Liverpool, Niebaum-Ära mit Hitzfeld, Beinahe-Insolvenz 2005 und Klopps Übernahme 2008.
Aufstieg im Westen
Vom Drittklassigen zum Europapokalsieger.
Der BVB als Nummer 2 hinter Bayern — ein junges Phänomen
Dass Dortmund neben den Bayern als einziger deutscher Global Player gilt und 80.000 Fans ins Stadion zieht, ist historisch betrachtet ein Novum.
Im Westen was Neues. Der BVB als klare Nummer 2 in der Bundesliga hinter dem FC Bayern München und neben dem Rekordmeister von der Isar der einzige „Global Player" des deutschen Fußballs? Ein Fan-Magnet, eine Art Ersatzreligion in Schwarz und Gelb mit 80.000 Pilgern im Signal Iduna Park respektive Westfalenstadion an jedem zweiten Wochenende? Das war lange nicht so.
Kein Traditionsverein: BVB war im Ruhrpott lange Nebenfigur
In den ersten Nachkriegsjahren prägen Schalke 04, Rot-Weiß Essen und der MSV Duisburg die Ruhrpott-Folklore — Dortmund taucht in dieser Erzählung kaum auf.
Besser gesagt: Es scheint lange undenkbar und ist erst durch mehrere, teilweise spektakuläre Wendungen in der Klubgeschichte so gekommen. Und nein, Borussia Dortmund ist auch lange kein „Traditionsverein". Wenn in den ersten zehn Jahren nach Kriegsende Klischees des Ruhrpott-Fußballs gedroschen werden, dann sind der FC Schalke 04 mit seinen unsterblichen Helden Ernst Kuzorra und Fritz Szepan, Rot-Weiß Essen mit WM-Held Helmut „Erzähl mich dat Tor" Rahn oder der MSV Duisburg mit „Riegel-Rudi" Gutendorf fester Bestandteil der Folklore.
Sie stehen für ein fußballkulturelles Phänomen.
Bis 1930 drittklassig: BVB gegen Langendreer 04 und Sportfreunde Dortmund
Vor dem Aufstieg in die Gauliga 1936 spielt Borussia gegen Stadtteilvereine; Brauerei-Direktor Heinz Schwaben bürgt mit Privatvermögen für den Klub.
Was wenige heute wissen: Einen nennenswerten Kult um Borussia Dortmund gibt es erst weit nach der Jahrtausendwende, als „a grandios Saison gespielt" wird…Eine Entwicklung, die heute nicht mehr jedem bekannt ist. Die Anzeichen, dass sich im Fußball atmenden Ruhrgebiet nach dem verheerenden Krieg etwas ändert, deutet die Rhein-Ruhr-Zeitung in ihrer „Westdeutschen Fußball-Vorschau" am 18. Mai 1947 richtig. „Schalke – oder doch Borussia?", lautet die Schlagzeile, „sollte es stimmen, dass Borussia Dortmund in einem Endkampf eine Chance hat?" Das ungläubige Staunen der Fachwelt ist nicht unbegründet.
Borussia wer? Bis 1930 ist Borussia Dortmund drittklassig und muss sich mit Vereinen wie dem SV Langendreer 04 oder den Sportfreunden Dortmund messen. In den wirtschaftlich bewegten 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts hat der Verein erstmals große finanzielle Probleme.
Heinz Schwaben, Direktor der Dortmunder Union-Brauerei, bürgt mit seinem Privatvermögen für den BVB. Unter der Führung von August Lenz, Dortmunds erstem deutschen Nationalspieler, gelingt erst 1936 der Sprung in die erstklassige „Gauliga". Dort haftet dem BVB in der NS-Zeit der Ruf des „Mitläufers" an, denn am Abonnement-Meister FC Schalke 04 mit seinem formidablen, modernen Kurzpass-Spiel („Schalker Kreisel") kommt man nicht vorbei. Zwei Vizemeisterschaften (1938 und 1942) stehen als größte Erfolge zu Buche.
Wende im Westen 1947: Erst Westfalenmeister, dann Europapokalsieger 1966
Mit dem 3:2 gegen Schalke im Mai 1947 beginnt der Aufstieg, der über die Meisterschaften 1956 und 1957 bis zum Europapokal gegen Liverpool führt.
Dann die „Wende im Westen", wie Hans Dieter Baroth 1989 in seinem Buch „Jungens, Euch gehört der Himmel – Die Geschichte der Oberliga West 1947 bis 1963" schreibt, ,,am Montag gibt es keine Zeitungen mehr. Die Rhein-Ruhr-Zeitung meldet am 20. Mai 1947: Schalke nicht mehr Westfalenmeister (…) Die große Überraschung im westdeutschen Fußballsport bildet das 2:3 (1:0) von Schalke 04 vor 30.000 Zuschauern in Herne gegen Borussia Dortmund im Endspiel um die Westfalen-Fußball-Meisterschaft." Die Schalker sind dermaßen tief getroffen, dass sie die Siegerehrung schwänzen. In der Folgezeit festigt die Borussia die neu gewonnene Spitzenposition.
Zwischen 1947 und 1950 holt sie sich viermal in Folge die westdeutsche Meisterschaft. Der Griff nach der Deutschen Meisterschale misslingt 1949 im Endspiel gegen den VfR Mannheim (noch), aber Borussia Dortmund ist auf dem Weg zur deutschen Spitzenmannschaft. Bis zur Einführung der Bundesliga (1963) wird man dreimal westdeutscher Meister, steht zwei weitere Male (1949 und 1961) im Endspiel. Vor allem aber: 1956 und 1957 holen die Schwarz-Gelben mit der gleichen Endspiel-Aufstellung – ein Novum im deutschen Fußball – den Meistertitel. Anfang der 1960-er Jahre hat Borussia mit Spielern wie Hans „Til" Tilkowski, Helmut „Jockel" Bracht, Reinhold „Zange" Wosab, Wolfgang Paul, Alfred „Aki" Schmidt, Dieter „Hoppy" Kurrat, „Timo" Konietzka oder Gerd Cyliax eine erfolgshungrige, eingespielte Truppe, die auch nach der Bundesliga-Gründung ihren Erfolgsweg weiter geht. 1965 wird Dortmund DFB-Pokalsieger und holt in Glasgow ein Jahr später gegen den hoch favorisierten FC Liverpool (2:1 n. V.) als erster deutscher Klub einen Europapokal. Die erste Meisterschaft in der Bundesliga wird wegen der Feierlichkeiten nach dem Triumph in Glasgow allerdings noch auf der Zielgeraden verspielt, man landet auf Rang zwei hinter 1860 München. Ein Knackpunkt.
Trainerschleuder & Börsengang
Vom Abstieg 1972 bis zum Rausch an der Börse.
Nach Glasgow folgt der Absturz: Strukturwandel und Abstieg 1972
Mit dem Verkauf von Lothar Emmerich 1969 und schrumpfenden Zuschauerzahlen rutscht der Europapokalsieger in die Mittelklasse — und 1972 erstmals aus der Liga.
Nach dem guten Bundesliga-Start ist der BVB nach dem Europacup-Erfolg zunächst ein „Team der Mittelklasse": In den Jahren nach dem Triumpf gegen Liverpool und der Vizemeisterschaft gelingt es den Dortmundern nur 1967 noch einmal, im Meisterkampf mitzumischen (Platz 3). Die in die Jahre gekommenen Europacup-Helden können nicht mehr zulegen und 1969 wird mit Lothar Emmerich der überragende Torjäger nach einem weiteren Finanzengpass verkauft. media: - src: "images/akte/bvb-02.jpeg" alt: "FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund 2:6 am 26. September 1964 - Lothar Emmerich, Reinhold Wosab und Timo Konietzka jubeln" caption: "26.09.1964: FC Schalke 04 vs. Borussia Dortmund 2:6. Lothar Emmerich, Reinhold Wosab und Timo Konietzka jubeln. Foto: Imago Images" Schon 1963 scheinen die goldenen Zeiten im „Pott" dahin zu sein: „Die Final-Saison der Oberliga West hatte symbolischen Charakter", so Baroth, „das Zechensterben hatte begonnen, Fördertürme sackten unter Sprengladungen zusammen." Auch Borussia Dortmund leidet ab dem Ende der 60-er Jahre unter diesem „Strukturwandel", wie die Politiker diese Negativspirale gerne euphemistisch bezeichnen. Die Zuschauerzahlen gehen von über 26.000 (1966/67) auf 16.000 zurück (1971/72), auch wegen des Bundesligaskandals, in den der BVB gar nicht verwickelt ist. 1972 steigt der BVB erstmals aus der Bundesliga ab – und schlägt sich, da finanziell klamm, in der Regionalliga und in der 2. Bundesliga gerade so durch. Besonders schlimm für hartgesottene Borussen: 1974 kommt Schalke zu einem Benefizspiel…
16 Trainer in acht Jahren: Dortmunds Personalkarussell 1978–1986
Nach Otto Rehhagels Entlassung 1978 reicht Dortmund Lattek, Feldkamp, Ribbeck, Csernai und Zebec das Mikrofon — Stabilität gibt es nicht.
Was heute auch gerne übersehen wird: Eine Trainerschleuder ist die westfälische Borussia aber schon lange vor dem Abstieg. Im Prinzip verliert Dortmund nach dem Abschied von Erfolgstrainer Willi „Fischken" Multhaup 1966 die Kontinuität auf der Trainerposition. Bis zum Abstieg 1972 geben sich sechs Trainer in sechs Jahren im kleinen Stadion an der Roten Erde die Klinke in die Hand.
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit versuchen sich ab 1972 insgesamt acht Coaches beim BVB. Begrenzt Erfolg hat nur der Essener Otto Rehhagel, der 1976 die Rückkehr in die Bundesliga schafft. Nach Rehhagels Entlassung zum 30. April 1978 folgen bis zur Schicksalswende 1986 noch mal 16 (!) Trainer in acht Jahren.
Promis wie Udo Lattek, Karl-Heinz Feldkamp, Erich Ribbeck, Pal Csernai oder Branko Zebec – In Dortmund darf fast jeder einmal ran! Ein Tiefpunkt ist die Saison 1983/84, als mit Uli Maslo, Helmut Witte, Heinz-Dieter Tippenhauer und Horst Franz vier Trainer die Journalisten begrüßen. Tippenhauer wird nach nur zwei Spielen wieder auf seinen Managerposten geschoben und die Fans können im Westfalenstadion nur mühsam vom Erklettern des Gitterzauns abgehalten werden. Dem erst 34-jährigen Reinhard Saftig gelingt mit der Rettung über die Relegationsspiele 1986 die Wende.
Niebaum kommt 1984 als Schattenmann in den Notvorstand
Der junge Jurist Gerd Niebaum übernimmt im Notvorstand um Reinhard Rauball die wirtschaftliche Sanierung eines mit 8,4 Millionen Mark verschuldeten Klubs.
Und überraschend: Dass das Borussen-Schiff aber wirklich in ruhige Fahrwasser gelangt, liegt an einem jungen Juristen, der im 1984 eingesetzten „Notvorstand" um Dr. Reinhard Rauball als „Schattenmann" fungiert und vor allem die wirtschaftliche Konsolidierung des mit 8,4 Millionen Mark verschuldeten Revierklubs übernimmt. Sein Name: Dr. Gerd Niebaum.
Niebaum-Ära: Frank Mill, Nobby Dickel und der Pokalsieg 1989
Ab 1986 setzt Präsident Niebaum auf regionale Identität und Transfers wie Mill, Dickel und Möller — 23 Jahre nach dem letzten Titel folgt der DFB-Pokal.
Kein anderer Präsident steht bei Borussia Dortmund so sehr für Aufstieg und Fall wie der am 23. Oktober 1948 in Lünen geborene Dr. Gerd Niebaum. Er wird 1986 als Nachfolger von Dr.
Reinhard Rauball zum Präsidenten gewählt und gilt als Hoffnungsträger. Dass er lokale Sponsoren ins Boot holt und den Verein nur ein Jahr nach dem Fast-Abstieg 1986 als Vierter in den Europapokal führt, ist erst der Anfang einer neuen Euphorie um Schwarz-Gelb. Die Philosophie: Mit Spielern aus der Region nach oben!
1986 gelingt Borussia Dortmund etwas überraschend die Verpflichtung von Stürmerstar Frank Mill vom rheinischen Namensvetter Mönchengladbach. Gemeinsam mit dem Siegerländer Norbert „Nobby" Dickel wird er ein Sturm-Duo bilden, um das Dortmund die halbe Liga beneidet. „Frankie" und „Nobby" schießen den BVB 1987 bis ins UEFA-Cup-Achtelfinale und 1989 zum DFB-Pokalsieg, dem ersten Titel nach 23 Jahren.
Der Empfang der „Helden von Berlin" am Dortmunder Friedensplatz ist ein Stück Stadtgeschichte. Ein weiterer Transfer-Glücksgriff in den ersten Jahren von Niebaums Amtszeit ist die überraschende Verpflichtung des Frankfurter Mittelfeldjuwels Andreas Möller.
Hitzfeld 1991: Italien-Rückkehrer und drei Meisterschaften
Niebaum holt den in Deutschland unbekannten Lörracher Ottmar Hitzfeld; gemeinsam locken sie Legionäre aus Italien zurück und brechen die Bayern-Dominanz.
Niebaums größter Coup ist allerdings das Engagement des bis dahin in Deutschland als Trainer völlig unbekannten Lörrachers Ottmar Hitzfeld im Sommer 1991. Hitzfeld und Niebaum werden das neue „Dynamic Duo" des deutschen Fußballs. Ihre Strategie: Legionäre aus dem Lira-Paradies Italien zurückholen. Damit sind sie auch dem Branchenführer FC Bayern einen Schritt voraus, der sich zwischen 1991 und 1996 nur ein einziges Mal die Meisterschale „grapscht".
Bundesligaspiele und Europacup-Nächte in Dortmund werden ab 1992 zum Event. Das 1974 zur WM in der BR Deutschland erbaute Westfalenstadion tauft der Münchner Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer in die „Mailänder Scala des deutschen Fußballs" um. Die noch im zugigen Olympiastadion spielenden Großkopferten aus München schauen fast neidisch nach Dortmund, wo Medien-Rummel und Glamour nach Art des „FC Hollywood" (noch) keinen Platz haben.
Michael Meier, als Manager 1989 von Bayer Leverkusen abgeworben, macht Borussia Dortmund zur Marke und wird (auch das wird heute selten gewürdigt) 1992 und 1993 vom Kicker-Sportmagazin zum „Manager des Jahres" gekürt.
Vom Verein zur BVB AG: Der Rausch endet im Millionengrab
Niebaum und Meier bauen Konzern, Megastore, Reisebüro und TV-Show — nach Hitzfelds Rauswurf 1998 verlieren sie Bodenhaftung und Realitätssinn.
Niebaum und Meier machen aus dem Verein Borussia Dortmund die BVB AG, den Konzern Borussia Dortmund, was nicht allen Traditionalisten unter den Fans und im Klub gefällt. Eine echte Opposition formiert sich aber, da geblendet von den riesigen Erfolgen der 1990-er und frühen 2000-er Jahre mit drei deutschen Meisterschaften und – die Krönung – dem Gewinn der UEFA Champions League – erst, als es fast zu spät ist. Dass Niebaum und Meier nach dem Wegmobben von Erfolgscoach Ottmar Hitzfeld 1998 jegliche Bodenhaftung und Realitätssinn verlieren, bleibt lange unter dem Deckel.
In der neuen und mehrstöckigen BVB-Geschäftsstelle können sie nach Belieben schalten und walten. Die BVB-Bosse verrennen sich in dem Bestreben, aus Borussia vollends die Lizenz zum Gelddrucken zu machen. Transfers im zweistelligen Millionenbereich, ein eigenes Trikot-Label, BVB-Reisebüro, ein „Mega Store" mit den Maßen einer Shopping Mall, eine eigene TV-Show im Deutschen Sport-Fernsehen – the sky is the limit, lautet Anfang 2000 das Motto beim neureichen Klub! Viele Fans erkennen ihren Verein nicht wieder. Aber der Rausch hat seinen Preis…
Das Revierderby
Schalke und Dortmund waren sogar mal Freunde.
Schalke und der BVB waren befreundet — bis in die 70er
Schalke trug von 1934 bis 1943 Meisterschaftsspiele in der Dortmunder Roten Erde aus, und Ernst Kuzorra half dem BVB beim Aufstieg in die Gauliga.
Schalke und Dortmund – Das waren sogar mal Freunde! Das Revierderby lebt als hochgejazztes Duell zwischen „Lüdenscheid-Nord" (Dortmund) und „Herne-West" (Schalke) vor allem von der Folklore – und unter anderem von dem Irrglauben, dass beide Vereine seit dem fußballerischen Urknall miteinander verfeindet sind. Sind sie aber nicht!
Dortmund spielt in seinen Gründerjahren in blau-weiß, bis irgendjemand auf die Idee kommt, die Farben zu ändern. Dem unmittelbar vor und während des 2. Weltkriegs erfolgreichsten deutschen Fußballverein Schalke 04 jubeln auch in Dortmund die Maßen zu. Als Schalke nach einem 2:1 gegen den 1. FC Nürnberg 1934 in Berlin Deutscher Meister wird, fahren die „Knappen" auf ihrem Rückweg nach Gelsenkirchen in offenen Autos durch Dortmund – und tragen sich sogar in das Goldene Buch der Stadt ein.
An eine LKW-Fahrt rund um den Borsigplatz mit dem BVB denken da allenfalls Fantasten unter den Fans! Der BVB krebst zu dieser Zeit in der Kreisklasse Dortmund-Herne herum, Schalke ist der dominierende Westverein. „Es herrschte eine tiefe Sympathie zwischen beiden Vereinen", sagt der ehemalige BVB-Sprecher und Archivar, Gerd Kolbe. Dabei hatten die Klubs in den guten alten Freundschaftszeiten immer fest zusammengehalten. Zum Beispiel zwischen 1934 und 1943, als Schalke einen Austragungsort für seine Vorrundenspiele um die deutsche Meisterschaft sucht und im Dortmunder Stadion Rote Erde fündig wird. „Es war vom Deutschen Fußball-Bund vorgegeben worden, dass bestimmte Spiele in anderen Stadien gespielt werden mussten. Und der BVB hat dann für Schalke diese Spiele organisiert", erklärt Kolbe. Oder Anfang der 30-er Jahre, als Borussia ohne Erfolg und ohne Trainer dastand. „Da wurde Stürmer August Lenz - der erste BVB- Nationalspieler - vom Verein beauftragt, mit den Schalkern zu reden, mit denen er sich angefreundet hatte. Er sollte sie fragen, wie man endlich wieder erstklassig werden könnte." Ergebnis: Erst Schalke-Idol Ernst Kuzorra und dann sein Schwager und Ex-Schalke-Stürmer Fritz Thelen gehen als erste professionelle Trainer in die BVB-Geschichte ein. Sie führen den keineswegs feindlichen Nachbarn 1936 in die erste Liga, die damals Gauliga Westfalen heißt. „Schalke war also der Steigbügelhalter für den Aufstieg des BVB." Im November 1943 gibt es dann nach reihenweisen Packungen den ersten Sieg über den bislang dominierenden Rivalen - und Lenz erzielt das 1:0-Siegtor. „Es gab natürlich immer eine Konkurrenzsituation zwischen den beiden Vereinen. Aber erst in den 70-er Jahren begann sich die Fanszene zu radikalisieren", sagt Kolbe. Es folgen Fan- Ausschreitungen und Beschimpfungen von Spielern, die zwischen den Klubs wechseln. Der Begriff des „Judas", er scheint für das Revier-Derby erfunden zu sein. Allein seit Beginn der Bundesliga-Ära 1963 haben mehr als 20 Spieler diesen Schritt gewagt, mal mit, mal ohne dazwischen noch für einen anderen Verein gespielt zu haben, u. a. Rüdiger „Abi" Abramczik, Steffen Freund, Reinhard „Stan" Libuda, Andreas Möller, Rolf „Rolli" Rüssmann und Jürgen „Kobra" Wegmann.
Schalke und BVB: häufigste Doppelvereinszugehörigkeit der Bundesliga
Trotz aller Feindschaft ist die Kombination Schalke und Dortmund die häufigste bei Bundesligaspielern mit mehreren Stationen.
Kaum zu glauben: Trotz der ungeheuren Rivalität ist die Kombination Schalke/BVB die häufigste bei Spielern mit mehreren Bundesligaklubs.
Die Watzke-Wende
Wie der BVB in letzter Minute gerettet wurde.
14. März 2005: Sechs Stunden Düsseldorfer Flughafen retten den BVB
Watzke nennt diesen Tag den zweiten Geburtstag des Vereins; die Molsiris-Anleger geben ein 52-Millionen-Depot frei und wenden die Insolvenz ab.
„Entscheidend iss auffem Flugplatz": Hans-Joachim Watzke hat auch zehn Jahre danach noch ein beklemmendes Gefühl, wenn er an den 14. März 2005, den „zweiten Geburtstag von Borussia Dortmund", denkt. „Das war unfassbar, das war eine Extremsituation. Ich werde es in meinem Leben niemals vergessen", schildert der BVB-Sanierer die Gefühlslage vor dem entscheidenden Termin auf dem Düsseldorfer Flughafen.
Nach langem Ringen stimmen die Haupteigentümer des Westfalenstadions dem Sanierungskonzept des finanziell schwer angeschlagenen Klubs zu. Damit kann die drohende Insolvenz des Branchenriesen quasi in letzter Minute abgewendet werden. Schaudernd erinnert sich Watzke an die sechsstündige Sitzung in einer Eventhalle des Düsseldorfer Flughafens, die die Fans mit bangem Blick beim Nachrichtensender n-tv verfolgen.
„Die ersten vier Stunden waren sehr negativ. Da hatten einige BVB-Sympathisanten im Saal Tränen in den Augen. Die dachten, das ist das Ende", sagt er 2015 dem WDR.
Knapp einen Monat zuvor ist Schicht im Schacht, als der einzige an der Börse notierte deutsche Fußballverein per Pflichtmitteilung eine „existenzbedrohende Ertrags- und Finanzsituation" vermeldet. Als der damalige Manager Michael Meier auf einer Pressekonferenz wenige Stunden später gefragt wird, ob der BVB noch liquide sei, erteilt er seinem Nebenmann Jochen Rölfs das Wort. Die Antwort des Wirtschaftsprüfers sorgt für ein Bundesliga-Beben: „Lehnen die Gläubiger den Sanierungsplan ab, war's das. Dann ist Schluss. Der BVB hat nichts mehr in der Hinterhand." Die danach präsentierte Horrorbilanz übertrifft selbst die schlimmsten Befürchtungen. Mit einem Mal wird deutlich, in welch prekäre Lage die damaligen Führungskräfte Gerd Niebaum und Michael Meier den Verein mit ihrer Großmannssucht manövriert haben! Demnach sind bereits knapp 80 Prozent des von den Aktionären gezahlten Geldes in Höhe von 179,5 Millionen Euro durch Verluste aufgezehrt. Zudem rechnet der BVB für das Geschäftsjahr mit einem Verlust von rund 68 Millionen Euro. Einen Tag später einigen sich die Gläubiger des BVB auf einen ersten Kompromiss zur Sanierung des Vereins. Was jedoch noch fehlt, ist die Zustimmung der 5.800 Gesellschafter des Immobilienfonds Molsiris. Der Revierklub hat sein Stadion zwei Jahre zuvor zu 94 Prozent an den Fonds veräußert und dann für 16 Millionen Euro jährlich zurückgeleast. Das Westfalenstadion ist zum Millionengrab geworden. Der Sanierungsplan sieht einen Teilrückkauf des Stadions und die Stundung der Mietzahlungen für die Jahre 2005 und 2006 vor. Ermöglicht werden sollte das durch einen von den Anlegern freigegebenen Zugriff auf ein Depot in Höhe von knapp 52 Millionen Euro, das ursprünglich für den geplanten Rückerwerb des Stadions im Jahr 2017 festgelegt ist. Der Plan geht auf. Sportlich gesehen wird in diesen mageren Jahren die Verpflichtung eines Trainers den leck geschlagenen Revierklub neu beseelen: Am 1. Juli 2008 übernimmt Jürgen Norbert Klopp von Thomas Doll, der mit dem Pokalfinale 2008 den einzigen Teilerfolg dieser Phase verbuchen kann, als neuer Coach. Nach Platz vier im Spieljahr 2009/10 führt „Kloppo", den der HSV wegen seiner zerrissenen Jeans im Vorstellungsgespräch nicht will (so sagt es die Legende), den BVB 2011 zur Deutschen Meisterschaft, 2012 zum ersten „Double" der Vereinsgeschichte mit Meisterschaft und Pokalsieg und 2013 ins Champions-League-Finale.